
Anschläge auf Sam Altman: Warum es nicht weniger, sondern mehr kritische Berichterstattung zu KI braucht
In kurzer Zeit gab es zwei Anschlagsversuche auf den OpenAI-Chef Sam Altman. In einem Blogeintrag macht er einen vielfach rezipierten Investigativartikel über seine Person mitverantwortlich. Dies ist nicht nur ein gefährliches Narrativ, sondern sät auch zusätzliche Zweifel an seinen Zielen und seiner Glaubwürdigkeit.
Eine Analyse von Michael Förtsch
In der ersten Aprilwoche gab es gleich zwei Anschläge auf OpenAI-Chef Sam Altman – oder zumindest auf sein gleichermaßen weitläufiges wie geschichtsträchtiges Anwesen an der Lombard Street in San Francisco. Ein junger Mann namens Daniel M. Rasch warf einen Molotowcocktail auf das Haus geworfen, ohne jedoch nennenswerten Schaden anzurichten. Er floh, wurde aber einige Stunden später mit einem Kanister voll Kerosin vor dem Hauptquartier von OpenAI festgenommen. Nur einige Tage darauf feuerten zwei andere Personen mit einer Pistole in Richtung des auf einem kleinen Hügel errichteten Gebäudes – offenbar unabhängig von Raschs Anschlagsversuchen. Auch dabei wurde niemand verletzt und kein gravierender Schaden verursacht. Trotzdem waren die Taten die ersten sichtbaren gewaltsamen Ausprägungen eines Protestes gegen die rasante Evolution der Künstlichen Intelligenz.
Mehrere KI-Protestgruppen verurteilten die Gewaltakte. Es handle sich dabei um die Aktionen fehlgeleiteter Einzelpersonen. Doch dabei wird es wohl nicht bleiben. Denn die Gewaltbereitschaft ist ein Symptom. Künstliche Intelligenz wird im Alltag von immer mehr Menschen manifest. Und das oft als Irritation und Bedrohung. Firmen drängen ihre Mitarbeiter, mit KI zu arbeiten, wobei diese derzeit oft noch mehr Mühe verursacht, als sie abnimmt. Gleichzeitig wird die Technologie als disruptive Kraft wahrgenommen, die in Zukunft etliche Millionen arbeitslos machen und zu radikalen gesellschaftlichen sowie sozialen Umbrüchen führen könnte. Hinzu kommen Meldungen darüber, wie KI-Chatbots Menschen in Psychosen treiben und Rechenzentren die Ressourcen kleiner Gemeinden aufzehren. Über all dem hängt die Prophezeiung der Künstlichen Intelligenz als potenzieller Zerstörer der Menschheit.
Dass sich die gewaltsame Reaktion auf diesen existenziell bedrohlichen Wandel gegen Sam Altman richtet, ist nicht überraschend. Der OpenAI-Chef ist die sichtbarste Figur der KI-Industrie. Mehrere Medien bezeichneten ihn in den vergangenen drei Jahren nicht umsonst als the face of AI. Er war es, der auf Bühnen die KI als unaufhaltsame Macht beschrieb, der in Fernsehinterviews die Risiken der Entwicklung besprach und hinter verschlossenen Türen Politikern die Technologie verkaufte. Deshalb war und ist er vielleicht immer noch die Verkörperung dieses technologischen Wandels. Doch Sam Altman hat auch noch eine eigene Erklärung dafür, warum er, seine Familie und sein Haus angegriffen wurden.
Die Macht der Narrative und die Furcht vor der Feder
„Vor ein paar Tagen erschien ein hetzerischer Artikel über mich“, schrieb Altman in einem kurzen Blogartikel zur ersten Attacke. Gemeint ist ein umfangreiches Recherchestück des New Yorker, für das die Autoren Ronan Farrow und Andrew Marantz mit Dutzenden Weggefährten von Sam Altman sprachen und unzählige nicht öffentliche Dokumente auswerteten. In ihrem Text zeichnen sie eben nicht das Bild eines zielgerichteten Innovators und bedachten Visionärs, sondern eines durchaus brillanten, aber auch wankelmütigen, intransparenten und zuweilen manipulativen Machtmenschen. Einer Person, bei der man sich, wie die Autoren anregen, fragen müsste, ob sie die richtige ist, um ihr die Kontrolle über eine potenziell weltverändernde und zukunftsweisende Technologie zu überlassen.
Wie Altman weiterschreibt, sei er gewarnt worden, dass dieser Artikel „die Lage für [ihn] gefährlich“ machen könne. Dass ihn der New Yorker in Anbetracht des wachsenden Unmuts gegenüber Künstlicher Intelligenz ins Fadenkreuz ziehen könnte. Er habe das abgetan. Aber: „Jetzt liege ich mitten in der Nacht wach, bin stinksauer und denke, dass ich die Macht der Worte und Narrative unterschätzt habe“, so Altman weiter. Der Artikel, die kritische Betrachtung seiner Person, wenn nicht sogar kritischer und hinterfragender Journalismus über OpenAI und die Künstliche Intelligenz als solche, sei ein Grund – wenn nicht sogar die Ursache – für die erste Attacke gewesen. So liest sich das.
Dass Sam Altman vom Anschlagsversuch geschockt ist, ist absolut nachvollziehbar. Doch seine Argumentation ist ein gefährlicher und verstörend antidemokratischer Reflex – einer, der weitere Zweifel am öffentlichen Bild von Sam Altman als selbstkritischem und ethisch bedächtigem Technologievisionär sät. Denn gerade bei einer so mächtigen Technologie wie Künstlicher Intelligenz, ihrer transformativen Kraft, bei den Milliarden, die in deren Entwicklung fließen, ihrer Nutzung im Militär, bei der Strafverfolgung, dem Einsatz zur Massenüberwachung und der stetig tieferen Verankerung im Alltag vieler Menschen sind investigative Recherche, Kritik und Einordnung wichtiger denn je. Auch hinsichtlich jener Akteure, die eben der Forschung, Entwicklung und Kommerzialisierung stehen.
Kritik ist kein Brandsatz, sondern notwendige Brandwache
Sollte es Sam Altman mit seinen Warnungen vor den Risiken der KI und seinen Forderungen nach Regulierung ernst meinen, müsste er kritische Recherche als essenziellen Bestandteil genau jener demokratischen Kontrolle begreifen, die er öffentlich beschwört – auch wieder in seinem Blogbeitrag. Artikel wie der von Ronan Farrow und Andrew Marantz sind keine Hetze, keine Übergriffe und schon gar keine Gewaltaufrufe. Für die Taten Einzelner lassen sie sich nicht verantwortlich machen. Ebenso wenig wie Beiträge, die aufdecken, dass OpenAI für Gesetze lobbyiert, die das Unternehmen aus der Verantwortung für Katastrophen nähmen, welche seine Technologie anrichten könnte. Oder dass es Aktivisten einzuschüchtern versuchte, die das Tun von OpenAI und anderen KI-Unternehmen überwachen.
Nein, solche journalistischen Werke sind eine notwendige und schützenswerte Form öffentlicher Kontrolle und Debattengrundlage politischer, wirtschaftlicher und technologischer Macht. Und Sam Altman ist eine Machtfigur – selbst, wenn er sich gerne als nahbarer und unbedarfter Start-up-Leiter inszeniert. Der 40-Jährige steht an der Spitze eines der derzeit wertvollsten und einflussreichsten Unternehmen unserer Gegenwart. OpenAI ist mit gewaltigen Kapitalmengen aufgeladen, ist immense finanzielle Verpflichtungen eingegangen, ist tief in wirtschaftliche Strukturen eingewoben und längst zu einem Akteur geworden, dessen Erfolg und Scheitern weit über das Silicon Valley hinausreichen werden.
Würden Journalisten große Magazine, Zeitungen oder auch einzelne Journalisten Altman selbst, OpenAI, aber auch andere KI-Giganten wie Anthropic, Google, Meta, DeepSeek und Co. und ihre Manager, Partnerschaften, Verfehlungen, Versprechungen und Geschäftspraktiken nicht journalistisch hinterfragen und untersuchen, wäre das nicht Zurückhaltung oder Vorsicht, sondern Fahrlässigkeit. Die Antwort auf die natürlich zu verurteilenden Anschlagsversuche auf Sam Altman kann und darf also nicht sein, die kritische Betrachtung zurückzufahren. Stattdessen muss diese auch nach den Gründen für die Attacken suchen, die dadurch nicht gerechtfertigt, aber erklärt werden könnten. Vermutlich stoßen die Recherchen dabei auf das Gefühl einer wachsenden Menge von Menschen, ohnmächtig zusehen zu müssen, wie einige wenige mächtige Manager und Unternehmen über ihre Zukunft entscheiden. Für KI-Unternehmen wie OpenAI müsste daraus folgen, viel stärker den offenen, transparenten Austausch mit der Gesellschaft – und mit Kritikern – zu suchen, um Vertrauen aufzubauen.