„Da ist alles drin!“: Wie sich der Künstler Jonathan Meese die Zukunft wünscht

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Auf den ersten Blick chaotisch – doch bei genauerem Hinsehen ein brillantes philosophisches Manifest: Beim Festival der Zukunft 2025 von 1E9 und Deutschem Museum feierte der Künstler Jonathan Meese die schöpferische Freiheit des Individuums. Da ist alles drin. Jetzt ins Video reinschauen!

Von Krischan Lehmann

Vor seinem Auftritt hat uns Jonathan Meese noch gewarnt: Wir sollen ihm sehr deutlich zu verstehen geben, wenn seine Redezeit vorbei sei. Denn wenn er einmal richtig in Fahrt gerate, sei er nur schwer zu stoppen. Dann aber reicht ein sachter Wink und Meese kommt – pünktlich wie einst die Eisenbahn – nach 45 Minuten zu einem Ende. Vielleicht weil er auf der durchaus gut aufgeheizten Dome Stage des alten Planetariums im Deutschen Museum eh schon durchgeschwitzt ist wie ein Stadionrockstar. Höchstwahrscheinlich aber, weil hinter seiner bärenhaften Statur ein eher sensibler Mensch mit einer äußerst feinjustierten Sensorik steckt.

„Ich bin mit einem Lächeln hier reingekommen und gehe mit einem Lächeln raus. Und das ist doch das Wesentliche“, sagt Jonathan Meese zum Schluss. Kurz darauf bricht das Publikum in begeisterten Applaus aus. Eine Besucherin stürmt zur Bühne und bittet den Künstler, ihn einmal fest drücken zu dürfen.


Jonathan Meese, 1970 in Tokio geboren und in Ahrensburg aufgewachsen, ist einer der prominentesten Künstler der deutschen Gegenwart. Seine Kunst umfasst Malerei, Zeichnung, Skulptur, Performance, Bühnen- und Kostümdesign sowie Regie von Theater- und Opernproduktionen – und Musik: 2025 veröffentlichte Meese das Album „Gesamtklärwerk Deutschland“ – inklusive Beiträgen seiner 95-jährigen Mutter Brigitte als Sängerin.


Was war passiert? Man kann sagen, Jonathan Meese hat beim Festival der Zukunft 2025 einen Nerv getroffen. Und zwar nicht als Enfant terrible der hiesigen Kunstszene, wie ihn das deutsche Feuilleton gerne betitelt, sondern als Humanist – mit einem unerschütterlichen Glauben an das Gute in jedem einzelnen Menschen und dessen prinzipielle Zukunftsfähigkeit. Und mit einem deutlichen Appell, der so gar nicht in eine Zeit passen will, in der man sich ständig zwischen dem einen oder dem anderen Lager, zwangskollektivistisch entscheiden soll: Wenn du Liebe und Harmonie auf diesem Planeten willst, fang bei dir selber an! Oder mit Meeses Worten: Geh nach Hause, mach Klarschiff zu Hause!“

Politik, Religion und Ideologie taugen für Jonathan Meese zu gar nichts, nicht einmal als notwendiges Übel. Man müsse sie sogar generell verbieten, denn sie verhindern den „Flutschvorgang“, den natürlichen Fluss des Lebens hinein in der Zukunft. Nur so könne Deutschland – und implizit die Menschheit – einen „Nullpunkt erreichen“, um sich „wieder beruhigen“ und „runter fahren“ zu können.

Wer möchte denn von einem Gott erschaffen worden sein? Das sind doch nur Wichtigtuer. Es ist viel schöner, Feenstaub zu sein. Aus der Natur geboren zu sein. Wieder Feenstaub zu werden.

In seinem Talk plädiert Jonathan Meese auch für eine neue Demut, für eine Akzeptanz der menschlichen Existenz als „Feenstaub“ – geboren aus der Natur und wieder zu ihr zurückkehrend. Die Zukunft, so Meese, sei ein natürlicher Prozess, der sich entfaltet, wenn der Mensch nur seine „Sensorik einschaltet“ und sich auf das einlässt, was ihn umgibt. „Da ist alles drin“, ist folgerichtig Meeses häufigster Satz – sei es in den Songtexten von den Beatles, den Hörspielen von Die Drei ??? oder den Gespenstergeschichten von H.G. Francis.

Und so erhält Meeses atemloser „Stream of Consciousness“, seine scheinbar chaotische Sammlung an Anekdoten, Appellen und Popkultur-Referenzen eine bemerkenswerte Stringenz:

Wie ein staunendes Kind vor dem Schaufenster der Menschheit steht Meese da und lädt alle ein, das Herkömmliche wieder mit frischen Augen zu sehen. Das sei die Kunst, das sei die Liebe – und nur das sei die Zukunft.

Da ist alles drin! Jonathan Meese beim 1E9 Festival der Zukunft 2025. DER PLANET DER LIEBE!!!!!!!! – jetzt reinschauen!