
Ein Mensch, OpenClaw und KI-Agenten: Lässt sich damit ein Unternehmen starten?
Schlägt durch KI-Agenten die Stunde der „Solopreneure“? Darüber haben wir beim 1E9-Meetup „Let's meet, AI“ mit dem Webentwickler und KI-Experten Sergej Lotz gesprochen. Er hat ein neues Unternehmen gegründet – für das nur er und seine KI-Agenten arbeiten, orchestriert per OpenClaw. Gemeinsam entwickeln sie Webseiten, die sich – passenderweise – insbesondere an KIs richten. Hier könnt ihr das Gespräch darüber nachlesen.
Ein Interview von Wolfgang Kerler
Neue KI-Modelle von Anthropic, OpenAI und Google, aber auch aus China begeistern seit einigen Monaten Millionen von Usern mit ihren Fähigkeiten, immer komplexere Aufgaben zu übernehmen und Code zu schreiben. Hinzu kommt OpenClaw, eine Plattform, die zur Orchestrierung von KI-Agenten dient – und weltweit für Furore sorgt. Reicht das aus, um als einzelner Mensch mit KI-Unterstützung zu gründen, für das es bis vor wenigen Monaten ein ganzes Team gebraucht hätte?
Sergej Lotz, der seit 16 Jahren digitale Produkte baut und bereits Start-ups gegründet hat, probiert das gerade aus. Wie es läuft und auf welches Produkt er sich spezialisiert hat, erzählte er beim monatlichen KI-Meetup von 1E9 in München. Das Gespräch haben wir mithilfe von KI transkribiert und gekürzt und in unserer Redaktion für die Veröffentlichung strukturiert und aufbereitet.
1E9: Sergej, dein Geschäftsmodell klingt einerseits total einfach, andererseits unglaublich: ein Mensch, ein Computer und ein paar KI-Modelle – und daraus entsteht plötzlich ein Unternehmen. Wie kam es dazu, dass du dir gedacht hast: Künstliche Intelligenz ist jetzt so weit, dass ich damit allein eine Firma starten kann?
Sergej Lotz: Das kam in zwei Schritten. Der erste zwischen 2023 und 2024. Damals habe ich noch im Blockchain-Bereich gearbeitet, mit Mitgründern hatte ich zwei Start-ups rund um Ethereum-Infrastruktur aufgebaut. Und dort habe ich angefangen, KI erstmal nur für uns selbst pragmatisch einzusetzen. Kleine Webseiten bauen, Frontend ändern, Marketingtexte schreiben, Landingpages anpassen. Solche Sachen.
Da habe ich zum ersten Mal gemerkt: Moment mal, die KI spart hier gerade nicht zehn Prozent Zeit, sondern plötzlich einen ganzen Arbeitsschritt. Dinge, für die man früher Entwickler oder Designer gebraucht hätte, gingen auf einmal alleine.
Aber wirklich produktionsreif wurde das Ganze für mich erst Ende 2025. Vorher musste man ständig nachbessern. Die Modelle waren beeindruckend, aber unzuverlässig. Immer wieder kamen Fehler aus dem Nichts. Und dann gab es plötzlich diesen Sprung: Modelle wie GPT-5.3 oder Opus 4.5 wurden so gut, dass man KI-Agenten wirklich laufen lassen konnte. Gleichzeitig wurde OpenClaw stabil genug, um ernsthaft damit zu arbeiten. Das war für mich der eigentliche Wendepunkt. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl: Vielleicht braucht man für viele digitale Geschäftsmodelle gar kein großes Team mehr.
Sergej Lotz beim monatlichen 1E9-Meetup Let's meet, AI am 28. April 2026 in München. Bilder: Krischan Lehmann, Sergej Lotz
Wie ist aus diesem Gefühl dein neues Unternehmen geworden?
Sergej Lotz: Als der Blockchain-Markt schwieriger wurde und KI gleichzeitig immer leistungsfähiger, habe ich angefangen zu überlegen: Warum nicht das, was ich gerade intern für unsere Start-ups nutze, als Service für andere anbieten?
Ich habe erstmal extrem viel ausprobiert. Automatisierungen mit n8n oder make.com, Prozesse für Unternehmen, solche Sachen. Über das CDTM-Netzwerk kannte ich viele Gründer und Unternehmer und habe einfach gefragt: „Was nervt euch? Was könnte man automatisieren?“ Und dabei bin ich beim Web gelandet, wofür ich mich von Anfang an interessiert habe – bei Webseiten, Sichtbarkeit und Marketing.
Ich komme eigentlich auch aus der Webentwicklung. Ich habe früher in einer Webagentur gearbeitet, erst als App-Entwickler, später im Webdesign. Während meines Masters an der Ludwig-Maximilians-Universität und am CDTM, einem interdisziplinären Innovations- und Entrepreneurship-Programm der Münchner Universitäten, habe ich dann meine Blockchain-Start-ups gegründet. Und jetzt bin ich zurück bei Webentwicklung. Daraus ist dann mein neues Unternehmen webentity.ai entstanden.
Webseiten werden künftig nicht mehr für Menschen gebaut, sondern für KI-Agenten.
Und die Grundidee dahinter ist?
Sergej Lotz: Dass Webseiten künftig nicht mehr primär für Menschen gebaut werden, sondern für KI-Agenten.
Heute gehen wir noch selbst auf Websites und recherchieren im Internet. In Zukunft fragt man eher ChatGPT oder Claude: „Welche Software soll ich kaufen?“ oder „Wer ist der beste Handwerker in München?“ Die KI sucht dann die Informationen zusammen. Deshalb brauchen Unternehmen nicht unbedingt eine aufwendige Website, die sich an Menschen richtet, sondern eine Web-Entität, also einen Ort im Netz, den diese KI-Systeme verstehen können.
Das ist im Kern das, was ich mache: Ich baue KI-Agenten, die Webseiten pflegen, optimieren und erweitern – für klassische Suchmaschinen, weil aktuell natürlich auch noch Besuche von Menschen wichtig sind, aber eben auch optimiert für KI. Also SEO und GEO: Generative Engine Optimization.
Bei unserem Meetup in München hast du live gezeigt, wie das aussieht. Du hast einfach ein Foto vom Publikum gemacht, deinem KI-Bot über Telegram eine Nachricht und ein paar Sprachnachrichten geschickt – und daraus wurde vollautomatisch ein Blogpost auf deiner Website .
Sergej Lotz: Genau. Das Faszinierende daran ist eigentlich nicht einmal der Blogpost selbst. Sondern dass ich dem System nicht mehr Schritt für Schritt sagen muss, was es tun soll.
Früher hätte man gesagt: Schneide das Bild zu. Schreib eine Überschrift. Bau den Text. Lade alles hoch. Heute schreibe ich einfach: „Mach einen Blogpost über dieses Event, auf Deutsch und Englisch.“ Und dann schicke ich für Updates kurze Sprachnachrichten. Den Rest entscheidet der Agent selbst. Der schaut sich die verlinkte Seite an, analysiert das Event, erstellt die Inhalte, verändert den Quellcode der Website und veröffentlicht alles.
Wie funktioniert das technisch?
Sergej Lotz: Das Herzstück ist OpenClaw – auf einem eigenen Server installiert. Bei mir läuft das auf Hetzner.
Der Agent hat Zugriff auf den Quellcode der Website, der in GitHub liegt. Die Website selbst wird über Vercel veröffentlicht. Wenn ich dem Bot schreibe, analysiert er die Aufgabe, nutzt seine Skills – etwa SEO, Designregeln oder Webentwicklung – verändert den Code und schiebt ihn zurück nach GitHub. Von dort wird die Seite automatisch neu veröffentlicht.
Das eigentliche Denken übernimmt meistens Claude von Anthropic. Das ist das Gehirn dahinter. Aber OpenClaw ist flexibel: Man kann auch GPT, Gemini oder Open-Source-Modelle anschließen.
Das heißt: Ein einzelner Mensch kann heute Dinge bauen, für die früher eine kleine Agentur nötig gewesen wäre?
Sergej Lotz: Ja. Zumindest in vielen digitalen Bereichen. Und genau deshalb glaube ich gerade stark an Solopreneurs. Früher brauchte man Mitgründer, Entwickler, Designer, vielleicht noch Marketing. Heute kann eine Person unglaublich viel alleine umsetzen. Nicht, weil sie plötzlich alles selbst kann, sondern weil die KI die Umsetzung übernimmt.
Natürlich gibt es Grenzen. Verkaufsgespräche mache ich zum Beispiel weiterhin selbst. Gerade in Deutschland sehe ich nicht, dass Leute gerne von KI angerufen werden wollen. Aber alles rund um digitale Produktion – Webseiten, Landingpages, Content, kleinere Tools – das kann inzwischen extrem automatisiert werden.
Viele denken: Ich installiere KI und fertig. So funktioniert es nicht.
Gleichzeitig klingt das bei dir fast schon zu einfach.
Sergej Lotz: Naja, einfach ist relativ. Die Tools sind mächtig geworden, aber man muss trotzdem verstehen, wie man sie einsetzt. Viele denken: Ich installiere KI und fertig. So funktioniert es nicht. Man braucht Workflows, gute Regeln, eine saubere technische Umgebung. Und man muss lernen, wo die Risiken liegen.
Deshalb habe ich mich bewusst auf Marketing-Websites spezialisiert. Da ist der potenzielle Schaden überschaubar. Wenn etwas schiefgeht, kann ich über GitHub sofort zurückrollen. Ich würde damit aktuell keine Finanzsoftware oder komplexe Kundensysteme bauen.
Du vertraust der KI also innerhalb klarer Grenzen.
Sergej Lotz: Genau. Es gibt Guardrails. Der Bot darf bestimmte Dinge nicht verändern. Datenschutz, Cookie-Banner, Analytics-Integrationen – solche Sachen sind fest eingebaut. Und natürlich schaue ich trotzdem noch drüber. Aber ich korrigiere oft nicht mehr selbst per Hand. Ich sage dem Bot einfach: „Ändere das nochmal.“ Das ist ein wichtiger mentaler Shift.
Viele Leute fragen sich gerade: Wenn KI inzwischen auch Inhalte schreibt, wie verhindert man, dass alles gleich klingt?
Sergej Lotz: Das ist die entscheidende Frage. KI alleine produziert sehr schnell generischen Content. Deshalb braucht man etwas, das die Modelle noch nicht kennen.
Viele Unternehmen haben internes Wissen, das nie öffentlich war: Support-Anfragen, Erfahrungswerte, Kundenprobleme, Verkaufsargumente. Genau das wird spannend. Ich baue oft interne Wissensdatenbanken für den Bot auf. Dann kann er Inhalte erzeugen, die nicht einfach aus dem Internet kopiert wirken.
Und menschlicher Input bleibt wichtig. Ich arbeite gerade daran, dass der Bot proaktiv fragt: „Was denkst du zu diesem Thema?“ Schon eine kurze Sprachnachricht kann einen Artikel massiv verbessern.
Damit steuert man natürlich trotzdem zur gigantischen Menge an KI-generierten Inhalten bei, die das Netz gerade überfluten.
Sergej Lotz: Ich glaube auch, dass wir viel mehr AI Slop sehen werden. Das Internet wird zunehmend von Bots produziert und gelesen. Aber ich glaube nicht, dass deshalb alles wertlos wird. Echte Informationen bleiben wertvoll. Menschen wollen weiterhin Inhalte, die ihnen wirklich helfen oder neue Perspektiven geben – und die kann man natürlich auch mit Unterstützung von KI gestalten.
Interessant wird eher die Frage: Wer konsumiert eigentlich welchen Content? Vieles wird, wie ich anfangs schon gesagt habe, künftig gar nicht mehr für Menschen geschrieben, sondern für Agenten.
Deshalb sprichst du lieber von „Web-Entitäten“ statt Websites?
Sergej Lotz: Ja. Für Agenten sind andere Dinge wichtig als für Menschen. Tabellen zum Beispiel. Strukturierte Daten. Klare Vergleiche. Preise. FAQs.
Ein Agent hat ein begrenztes Token-Budget. Er will schnell die Antwort finden. Wenn deine Informationen sauber strukturiert sind, wirst du eher zitiert. Wenn sie irgendwo versteckt sind, vielleicht nicht. Deshalb verändert sich gerade auch Webdesign. Vielleicht brauchen wir in Zukunft weniger visuelle Effekte und mehr maschinenlesbare Informationen.
Als Solopreneur, der so viel KI nutzt, musst du natürlich auf dem Laufenden bleiben über neue Tools, Modelle und so weiter – doch da passiert unglaublich viel in kürzester Zeit. Wie hältst du da überhaupt noch mit?
Sergej Lotz: Ehrlich gesagt: hauptsächlich über X. Wenn man dort den Tech-Bereich verfolgt, bekommt man fast alles über KI mit.
Und man merkt dabei auch, wie unterschiedlich die KI-Systeme inzwischen geworden sind. Grok ist stark, wenn es um X geht, deshalb nutze ich Grok, um die Informationen aus X zu bekommen. Gemini ist super für YouTube-Zusammenfassungen, weil es auch einige YouTube-Kanäle gibt, die für mich wichtige Informationsquellen sind.
Was würdest du jemandem raten, der heute alleine ein KI-Unternehmen starten will?
Sergej Lotz: Erstmal: klein anfangen. Nicht sofort versuchen, die große Plattform zu bauen. Man sollte sich überlegen: Wo ist ein echtes Problem bei möglichen Kunden? Welche Arbeit ist digital? Und wo kann KI die Umsetzung beschleunigen?
Gerade B2B ist spannend. Viele Unternehmen haben mehr Ideen als Umsetzungskapazität. Da kann ein einzelner Mensch mit guten KI-Workflows plötzlich extrem viel leisten.
Aber das Schwierigste bleibt weiterhin die Distribution. Kunden gewinnen. Aufmerksamkeit bekommen. Das hat KI bisher nicht gelöst.
Also doch kein vollautomatisches KI-Unternehmen?
Sergej Lotz: Noch nicht. Vielleicht irgendwann. Aber aktuell sehe ich KI eher als Verstärker. Ein einzelner Mensch kann plötzlich arbeiten wie ein kleines Team. Das verändert unglaublich viel.