
Hat die über 50 Jahre alte SINIC-Theorie aus Japan den Aufstieg der KI vorausgeahnt?
Vor über 50 Jahren entwickelte Kazuma Tateishi, der Gründer des japanischen OMRON-Konzerns, eine Theorie über die Entwicklung der Gesellschaft – von den Gemeinschaften erster Menschen bis in die Zukunft. Einige seiner Einschätzungen wirken heute erstaunlich vertraut. Für 2025 sagte er den Anbruch einer „Autonomen Gesellschaft“ voraus, in der Menschen von Maschinen befähigt, nicht ersetzt werden. Was bedeutet das für unser Leben mit Künstlicher Intelligenz?
Von Wolfgang Kerler
Der Tischtennis-Roboter FORPHEUS zeigt schon heute, wie harmonisch unser künftiges Zusammenleben mit intelligenten Maschinen aussehen könnte. Sein Ziel ist es nicht, den Menschen auf der anderen Seite der Platte zu besiegen. Nein, er will ihm dabei helfen, sein Potenzial als Tischtennisspieler voll auszuschöpfen.
FORPHEUS nutzt Kameras und Sensoren, um den Ball präzise zu verfolgen und zurückzuspielen. Frühere Versionen der Maschine erkundeten außerdem Möglichkeiten, menschliche Emotionen zu erfassen – gestützt auf die Analyse von Hinweisen, vom angestrengten Gesichtsausdruck bis zu häufigen Fehlschlägen.
Die inzwischen 9. Generation des laufend weiterentwickelten Roboters geht wieder einen anderen Weg. Anstatt die Gefühlslage des Spielers „lesen“ zu wollen, ist sie auf bidirektionale Mensch-Maschine-Kommunikation ausgelegt. Möglich wird das durch ein KI-System, das Bildverarbeitung und ein großes Sprachmodell verbindet: eine Vision-Language-KI-Architektur. Damit spielt FORPHEUS nicht nur Tischtennis, sondern bindet den Menschen in einen Dialog ein. So kann das System erfahren, wie der Mensch den Ballwechsel empfindet, seinen Spielstil entsprechend anpassen oder proaktiv Vorschläge machen, zum Beispiel: „Soll ich weniger schnelle Bälle auf deine Rückhand spielen?“

Der Name FORPHEUS steht für die etwas sperrige, aber vielsagende Wortfolge: „Future OMRON Robotics technology for Exploring Possibility of Harmonized aUtomation with SINIC theoretics“. Denn für den japanischen Technologie-Konzern OMRON ist FORPHEUS ein Ausdruck der Harmonie, die zwischen Menschen und Maschinen herrschen könnte, ja sogar Vorbote einer neuen Epoche der menschlichen Gesellschaft – der „Autonomen Gesellschaft“ –, die um das Jahr 2025 anbrechen soll. So sagte es Firmengründer Kazuma Tateishi schon im Jahr 1970 vorher, als er seine SINIC-Theorie über die Entwicklung der Menschheit der Öffentlichkeit vorstellte.
Vom ersten Bargeldautomaten zur Theorie über die Menschheitsentwicklung
„Wenn ich ihn mit einem Satz beschreiben müsste, würde ich sagen: Er war ein Mensch, der immer das große Ganze sehen und alles zu einem zusammenhängenden Bild verbinden wollte“, sagt Ikuo Tateishi im Gespräch mit 1E9 über seinen Großvater Kazuma Tateishi, der 1933 OMRON gründete. Das erste erfolgreiche Produkt war ein Gerät, das die Belichtungszeit bei Röntgenaufnahmen automatisch steuerte. Kazuma Tateishi selbst sah darin „den Ursprung der Schaffung sozialer Bedürfnisse“. Das Produkt habe ihn gelehrt, wie entscheidend es sei, sich an den Bedürfnissen der Gesellschaft zu orientieren – und nicht allein an den eigenen Ideen und Vorlieben als Ingenieur.
Dann kam der Zweite Weltkrieg, nach dem Japan wiederaufgebaut werden musste. „Das führte zwar zum Wachstum der Industrie“, erklärt Ikuo Tateishi, der heute das Human Renaissance Institut leitet, die Denkfabrik vom OMRON. „Doch Japan war ein Nachzügler. Es wurden vor allem Produkte hergestellt, die sich in den USA und Europa bereits gut verkauften. Dort war die Zukunft. Man selbst war ,Follower‘. Mein Großvater wollte aber kein Nachahmer sein, sondern ein Pionier.“ Er sei überzeugt davon gewesen, dass Management die Zukunft antizipieren müsse: noch verborgene gesellschaftliche Bedürfnisse erkennen, technologische Entwicklungen vordenken und Lösungen schaffen, noch bevor die Zeit reif dafür scheint. Aus dieser Überzeugung heraus entstand schließlich die SINIC-Theorie.
Kazumi Tateishi investierte also in Forschung und Entwicklung, was bald in neue Produkte mündete. Ab den 1960er-Jahren brachte OMRON das erste automatisierte Ampelsystem zur Verkehrssteuerung heraus, führte den ersten vernetzten Geldausgabeautomaten sowie das erste unbemannte Bahnhofssystem ein, inklusive automatischer Ticket-Schranke.
Gleichzeitig arbeitete der Firmengründer an der Ausarbeitung seiner SINIC-Theorie, die bis heute die strategische Ausrichtung des Unternehmens leitet. SINIC ist dabei die Abkürzung für „Seed-Innovation to Need-Impetus Cyclic evolution“. Das klingt kompliziert – und die Theorie ist es auch, wenn man ins Detail geht. Doch ihr Grundprinzip ist erstaunlich simpel: „Die zentrale Feststellung der SINIC-Theorie besagt, dass es eine zyklische Wechselwirkung zwischen Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft gibt – und dass diese Zyklen die Entwicklung einer Gesellschaft vorantreiben“, erklärt Shinichi Nakama, Executive Fellow am Human Renaissance Institut.
Wissenschaftliche Erkenntnisse fungieren dabei als „Saatgut“ für neue Technologien. Diese wiederum ermöglichen gesellschaftliche Innovationen, durch die neue Bedürfnisse entstehen, die Wissenschaft und Unternehmen dann wieder zu neuen technologischen Erfindungen anregen. Und umgekehrt. Eine dreifache Wechselwirkung. „Damit diese Wechselwirkung funktioniert, braucht es aber etwas, das sie antreibt“, sagt Shinichi Nakama. „Diese treibende Kraft ist die menschliche Motivation. Als die SINIC-Theorie 1970 erstmals formuliert wurde, galt der Wunsch nach Fortschritt als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung. Heute jedoch erkennen wir, dass das Streben nach menschlichem Miteinander die eigentliche Kraft ist, die diesen Kreislauf antreibt.“
Materielle und innere Werte, Individuum und Gemeinschaft
Mit der SINIC-Theorie wollte Kazuma Tateishi nicht nur vage davon träumen „wie schön eine bestimmte Zukunft wäre“ und einen „Kompass für die Zukunft“ entwickeln. Er wollte auch die bisherige Menschheitsgeschichte besser verstehen, die er anhand seiner Theorie in verschiedene Phasen einteilte – angefangen bei der „primitiven Gesellschaft“ vor etwa einer Million Jahren über „kollektive Gesellschaft“, „Agrargesellschaft“, „Industriegesellschaft“, „Mechanisierungsgesellschaft“ und „Automatisierungsgesellschaft“ im 20. Jahrhundert.
Als Kazuma Tateishi 1970 seine SINIC-Theorie erstmals veröffentlichte, sah er bereits den nächsten grundlegenden Wandel auf die Menschheit zukommen: Für 1974 prognostizierte er den Beginn der „Cybernation Society“, eng verknüpft mit Fortschritten der Elektronik. Und tatsächlich kam kurz nach der Vorstellung seiner Theorie der erste kommerzielle Mikroprozessor auf den Markt, womit unter anderem Personal Computer möglich wurden. Auch wenn wir heute eher von der „Informationsgesellschaft“ als von der „Cybernation Society“ sprechen, die damit eingeläutet wurde.

Eine große Rolle für den Beginn neuer gesellschaftlicher Phasen spielt in der SINIC-Theorie die Motivation der Menschen, die vor allem von sich wandelnden Werten abhängt. Um diese einordnen zu können, entwickelte Kazuma Tateishi zwei Achsen. „Die erste Achse unterscheidet zwischen der Betonung des Herzens – also des Geistes, des Sinns, der inneren Zufriedenheit – sowie der Betonung materieller Werte“, sagt dazu Shinichi Nakama. „Die zweite Achse unterscheidet zwischen dem Fokus auf Individuen oder auf Gruppen – also zwischen Individualismus und Kollektivismus.“
Zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert, also während der Renaissance, verloren demnach die inneren Werte an Bedeutung, materieller Wohlstand wurde stattdessen zur gesellschaftlichen Triebkraft. Und blieb es bis heute. Das ist ein Grund für den Bedeutungsverlust von Kirchen und Religionen. Gleichzeitig stand das Wohl der Gruppe, nicht des Individuums über lange Zeit im Mittelpunkt. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewann der Wunsch nach individueller Verwirklichung an Bedeutung.
Beides dürfte sich, zumindest laut SINIC-Theorie, sehr bald ändern. Denn sie besagt, dass sich sowohl der Wertewandel als auch der wissenschaftliche und technologische Fortschritt immer weiter beschleunigen. „Grafisch dargestellt erscheint die Theorie eher wie ein Kegel“, sagt Ikuo Tateishi. „Je weiter man nach oben kommt, desto schneller wird die Bewegung.“
Die „Optimierungsgesellschaft“ bringt auch Kontrolle und Überwachung mit sich
Wie treffsicher die SINIC-Theorie wirklich war, ist aus heutiger Sicht besonders an ihren Vorhersagen für die jüngste Vergangenheit festzumachen. Ab 2005 sah Kazuma Tateishi den Übergang in die „Optimierungsgesellschaft“ voraus. Diese skizzierte er allerdings mit Begriffen, die zunächst befremdlich klingen: „Biologic Control Technology“ und „Psychonetics“ spielen in ihr entscheidende Rollen. Nicht gerade gebräuchliche Kategorien. Doch Kazuma Tateishis Ausführungen zur Optimierungsgesellschaft lesen sich erstaunlich vertraut:
„Laut der SINIC-Kurve wird die Biotechnologie um das Jahr 2005 das Zeitalter der Optimierung einläuten – gestützt auf präzise Methoden zur Ermittlung und Erfüllung der Bedürfnisse und Wünsche von Individuen und der Gesellschaft. Da Kunst, Handwerk und personenbezogene Dienstleistungen zunehmend an Bedeutung gewinnen, wird jeder Mensch – unabhängig von seinen Fähigkeiten – eine Tätigkeit finden können, die Würde und Freude vermittelt.
Optimierungstechniken werden die gesamte Gesellschaft stärker normieren, und die Wissenschaft wird auf eine Kontrolle der natürlichen und menschlichen Umwelt sowie sogar der menschlichen Natur selbst hinarbeiten. Mentale Phänomene werden verstanden und in wachsendem Maße kontrolliert werden – durch etwas, das man als Psychonetik bezeichnen könnte.“ – aus dem Buch The Eternal Venture Spirit von Kazuma Tateishi (1989)
Tatsächlich gab es in der Biotechnologie Durchbrüche, die eine personalisierte Medizin ermöglichen – oder es bald tun werden: die günstige Sequenzierung des menschlichen Genoms, die Genschere CRISPR/Cas oder mRNA-Impfstoffe. Mit Wearables und Medizintechnik überwachen wir unsere Gesundheit, um unseren Lebensstil zu optimieren.
Gleichzeitig wird unser digitales Leben getrackt, um unsere Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen. Schließlich wollen uns die großen Social-Media-Plattformen passgenau Werbung ausspielen. Ihre Algorithmen sprechen unsere Instinkte an, um menschliche Aufmerksamkeit zu gewinnen. Der Begriff Psychonetik passt darauf erstaunlich gut.
Auch die normative, also kontrollierte Gesellschaft wird durch die inzwischen permanente technologische Überwachung des Menschen möglich: Arbeitsleistung wird nach Leistungskennzahlen bzw. „KPIs“ bewertet. Wo Gesetze es zulassen, werden Menschen bei der Arbeit mit Kameras, Sensoren und Künstlicher Intelligenz beobachtet. Social Scoring-Systeme beurteilen in manchen Ländern gesellschaftliches Wohlverhalten. Und die Regeln im Internet werden längst von Algorithmen durchgesetzt, die moderieren, zensieren und darüber entscheiden, welche Inhalte Menschen zu sehen bekommen oder nicht.
Gleichzeitig hat die Wissenschaft die Schattenseite des bisher erlangten materiellen Wohlstands erkannt. Sie versucht gegenzusteuern. Zum Beispiel durch immer ausgefeiltere Modelle des Klimas, um genaue Vorschläge dafür zu machen, wie die globale Erwärmung gebremst werden kann. Sogar Geoengineering ist im Gespräch. Das klingt sehr nach der gezielten Steuerung der Umwelt. Die SINIC-Theorie konnte also einige Treffer erzielen.
Zu optimistisch war Kazuma Tateishi allerdings ausgerechnet in Bezug auf die menschliche Arbeit. Zwar stimmt es, dass „personenbezogene Dienstleistungen“ wie Coaching, Therapie und Wellness-Angebote oder auch Kreativberufe wie Content Creator an Bedeutung gewonnen haben. Dass jeder Mensch eine Tätigkeit finden kann, die Würde und Freude vermittelt, ist bislang allerdings nicht der Fall.
Es sei jedoch nie zu erwarten gewesen, dass die Theorie in allen Punkten vollständig zutreffe, betont Ikuo Tateishi. Sie sei nicht mit dem Anspruch entwickelt worden, die Zukunft exakt vorherzusagen. Vielmehr habe sie als theoretisches Szenario gedient – als Orientierung für eine wünschenswerte gesellschaftliche Entwicklung. „Die SINIC-Theorie ist keine reine Prognose“, sagt Tateishi. „Sie zeigt auch, welche Zukunft Menschen gestalten könnten, wenn sie es wollten.“
„Psycho-biologische Technologien“ und moderne KI
Der SINIC-Theorie zufolge markiert das Jahr 2025 den Übergang von der Optimierungsgesellschaft (2005–2024) zur Autonomen Gesellschaft. Ein Wendepunkt: Weg von einer Gesellschaft, die sich primär über Effizienz und permanente Optimierung definiert, hin zu menschenzentrierten Systemen, die auf Autonomie und das Zusammenwirken von Mensch und Maschine ausgerichtet sind. Ein Umbruch, der sich als so einschneidend erweisen könnte wie einst die Renaissance, sagen Ikuo Tateishi und Shinichi Nakama. Denn idealerweise bringt die Autonome Gesellschaft Gemeinschaften selbstbewusster und selbstbestimmter Menschen hervor, die Dinge „erschaffen“ wollen und dabei sowohl nach persönlicher Selbstverwirklichung als auch nach harmonischem Zusammenleben streben. Der Weg dorthin könnte aber, wie die aktuelle Weltlage zeigt, steinig werden.
„In Zeiten eines Paradigmenwechsels gibt es Konflikte zwischen dem alten und dem neuen Paradigma. Deshalb sehen wir aktuell Chaos, Unsicherheit, Protektionismus, Egoismus und eine stärkere Fixierung auf Geld“, sagt Ikuo Tateishi. „Aber das reicht den Menschen langfristig nicht. Deshalb suchen viele nach innerem Frieden.“ Materielle Werte verlören an Bedeutung, das „Herz“ werde wichtiger. „Das bedeutet aber nicht, dass wir zu traditionellen Religionen zurückkehren – sondern dass Menschen nach Orten und Praktiken suchen, die ihr Inneres beruhigen“, ergänzt Shinichi Nakama. „Darum wächst das Interesse an Achtsamkeit, Meditation oder Zen.“

Für die Verwirklichung der Autonomen Gesellschaft werde es laut der Theorie „psycho-biologische Technologien“ brauchen, die neben körperlichen Daten die Psyche, die Emotionen und die Spiritualität des Menschen berücksichtigen. Menschen und Gesellschaft müssten sich dann nicht mehr an Maschinen anpassen, zum Beispiel an den Takt der Industrieroboter am Fließband. Stattdessen kann sich Technologie dann nach den Menschen richten und sie ermächtigen, Dinge zu erschaffen. „Wir treten in eine Phase ein, in der Mensch und Maschine harmonisch zusammenarbeiten“, sagt Ikuo Tateishi.
Könnte sein Großvater Kazuma Tateishi mit diesen Annahmen schon vor über 50 Jahren die heutigen Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz erahnt haben? Sicherlich nicht wortwörtlich und im technischen Detail – aber ihre Stoßrichtung durchaus, wenn man die neuen Probleme, die KI erzeugt zunächst ausblendet. Große Sprachmodelle, wie sie hinter ChatGPT, Claude oder Gemini stecken, versetzen Menschen plötzlich in die Lage, in nie dagewesenem Ausmaß auf Wissen und Informationen zuzugreifen. Sie können mit ihrer Hilfe Bilder, Videos und Musik erstellen oder Software entwickeln, ohne die Bedienung komplexer Programme oder gar Programmiersprachen zu erlernen. Diese lästige Detailarbeit übernimmt die KI, Menschen können dagegen in natürlicher Sprache mit den Maschinen sprechen.
Der anfangs beschriebene Tischtennis-Roboter FORPHEUS geht sogar noch einen Schritt weiter: Er verbindet diese Fähigkeiten von KI-Modellen mit Sensorik, um zu erkennen, wie es seinem menschlichen Gegenüber geht, damit er ihn besser unterstützen kann. Das ist keine Science Fiction. Auch moderne Autos beobachten ihre Fahrer immer genauer, detektieren Müdigkeit, empfehlen Pausen, übernehmen im Stau selbst das Steuer und stehen Dank KI natürlich als Gesprächspartner zur Seite.
Lässt sich das schon als psycho-biologische Technologie bezeichnen – was gleichzeitig bedeuten würde, dass die SINIC-Theorie wieder richtig lag? Das hängt auch von der Interpretation der Vorhersagen von 1970 ab. Doch wünschenswert wäre es. Denn schon für 2033 sagt die Theorie den Übergang in die „Natürliche Gesellschaft“ voraus, in der Menschen, Technologie und Natur ein völlig harmonisches Ökosystem bilden. „Jeder kennt darin seine Rolle, alle arbeiten gemeinsam auf ein gemeinsames Ziel hin“, sagt Ikuo Tateishi. Kontrollsysteme brauche es nicht mehr, überall herrsche dann Harmonie. Zu utopisch, um wahr zu sein?
Keine Angst davor, Arbeit an Maschinen abzugeben
„Die SINIC-Theorie ist zwar eine technologie-optimistische Theorie“, sagt Shinichi Nakama. Das bedeute jedoch nicht, dass sie mögliche Probleme ausblende. „Kazuma Tateishi wies schon 1970 darauf hin, dass Menschen im Übergang zur Autonomen Gesellschaft schwächer werden könnten.“ Nicht nur, weil Bequemlichkeit und Komfort zunehmen – sondern auch, weil sich technologische Veränderungen für manche schneller vollziehen, als sie Schritt halten können.

Entscheidend sei also, dass neue Technologien wie KI zum Wohle der Gesellschaft eingesetzt werden – was auch in der Verantwortung von Unternehmen liege. Deren Sinn sah Kazuma Tateishi nämlich nicht nur im Erwirtschaften von Gewinnen, sondern auch im Dienst an der Gesellschaft. Inwiefern diese Ansicht vom Topmanagement der führenden KI-Unternehmen geteilt wird, die sich gerade ein milliardenschweres Wettrennen um die leistungsfähigsten Modelle liefern, dürfte für die kommenden Jahre entscheiden sein. Ansonsten könnten KI-Halluzinationen, Machtkonzentration oder erschütterte Arbeitsmärkte mehr Menschen schwächen als zur Autonomie befähigen.
Wer daraus allerdings ableitet, dass Kazuma Tateishi heutiger KI grundsätzlich skeptisch gegenüberstünde, dürfte falsch liegen. Denn während in westlichen Gesellschaften bei Buzz-Wörtern wie KI, Robotern und Automatisierung sofort die Angst aufkommt, menschliche Arbeit könnte durch Maschinen ersetzt werden, wird bis heute eine Grundüberzeugung des OMRON-Gründers zitiert: „Die Menschen sollten das, was Maschinen leisten können, den Maschinen überlassen und sich kreativeren Tätigkeiten widmen.“
Sein Rat an Unternehmen wäre daher vermutlich: Wenn KI jetzt umständliche Schreib- oder Programmierarbeiten und bürokratische Prozesse überflüssig macht, haben Mitarbeiter mehr Zeit, herauszufinden, wie sich KI für bessere Lösungen und Produkte einsetzen lässt. Wenn man sie damit kreativ experimentieren lässt. Schließlich machte er mit einem ähnlichen Vorgehen 1981 gute Erfahrungen.
Damals ließ er 1.000 PCs anschaffen, ohne seinen Mitarbeitern konkreten Vorgaben zu machen, wofür sie eingesetzt werden sollten. Stattdessen durften sie damit experimentieren, auch für private Zwecke und zum Spielen. Innerhalb eines halben Jahres wurden so rund 3.000 Programme entwickelt, die zum Teil intern eingesetzt oder an Kunden verkauft werden konnten. Außerdem hatte das Unternehmen genug Knowhow gesammelt, um ins Software- und Hardwareberatungsgeschäft einsteigen zu können.
Die Stärke der SINIC-Theorie liegt weniger in völlig präzisen Vorhersagen von Innovationen als darin, technologische Umbrüche in größere gesellschaftliche Zusammenhänge einzuordnen. Wenn das dazu führt, dass sich Unternehmen jetzt gezielt Gedanken machen, wie sie Technologien entwickeln können, um Menschen zu einem selbstbestimmten, kreativen Leben zu befähigen, umso besser. Ein KI-gesteuerter Tischtennis-Roboter ist dann nur der Anfang.