
IAA-Fundstücke: Innovationen, die nicht von VW, BYD oder BMW stammen
Die meiste Aufmerksamkeit bekommen bei der IAA Mobility in München die neuen Modelle der großen Autohersteller ab – vor allem aus Deutschland und China. Doch spannende Konzepte und Innovationen für die Mobilität gab es auch an den kleineren Ständen in den Münchner Messehallen zu entdecken. 1E9 stellt euch einige davon vor – von pragmatischen E-Autos aus der Ukraine über ein hörendes Auto von Fraunhofer bis zum autonomen Minibus aus Paderborn.
Von Michael Förtsch und Wolfgang Kerler
MeGo Electric UA
Die Ukraine muss sich nach wie im Krieg vor gegen den russischen Angriff verteidigen. Ein Ende ist noch nicht abzusehen. Dennoch – oder gerade deswegen – arbeitet ein kleines Start-up namens MeGo Electric UA an Elektrofahrzeugen. Vor allem entwickelt es einfache Transporter für den Alltagsgebrauch, die sich günstig produzieren, leicht reparieren und unkompliziert fahren lassen – für eine Zeit, in der das Land wieder aufgebaut wird. Als Designer ist der Automotiv- und Industriegestalter Roman Pryadko tätig, der eigentlich eher für schicke Limousinen und wuchtige SUVs bekannt ist.

Das erste fahrbare Ergebnis ist ein Prototyp, der aus flachen Metallplatten und Teilen anderer Fahrzeuge zusammengeschraubt wurde. Er dient als Pritschenwagen für Bauern und Händler, soll aber mit verschiedensten Aufbauten anpassbar sein. Auf der IAA präsentierte das Team zudem einen niedrig gebauten Van, der für den Personentransport ausgelegt ist und auch Menschen im Rollstuhl befördern kann. In den kommenden Jahren sollen aus diesen Studien deutlich professionellere und modernere Fahrzeuge entstehen, die im Kern dennoch robust und einfach sind.
The Hearing Car von Fraunhofer
Das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT zeigte auf der IAA den Prototypen seines hörenden Autos, The Hearing Car genannt. Dahinter verbirgt sich ein mit akustischen Sensoren in Form hochwertiger Mikrofone in der Fahrzeughülle und der dazugehörigen KI-gestützten Analysetechnologie ausgestatteter Kleinbus von Volkswagen, der – wie der Name schon sagt – hören kann. Warum? Um mehr Sicherheit, aber auch Komfort bieten zu können.
Kameras, LiDAR und Radar können die Umgebung von Autos sehen, was für Fahrassistenzsysteme oder selbstfahrende Autos unverzichtbar ist. Doch was ist mit dem Rettungswagen, der sich nähert, aber bisher nur zu hören ist? Oder mit Kindern, die im verkehrsberuhigten Bereich spielen, aber hörbar sind, bevor sie ins „Blickfeld“ des Autos geraten? Mit dem System von Fraunhofer sollen, so heißt es auf der Website, das Auto „um die Ecke hören“ können, um auch solche Situationen frühzeitig zu erkennen. Damit auch der Mensch am Steuer etwas mitbekommt, werden Außengeräusche bei manchen Fahrmanövern über die Kopfstütze ins Fahrzeuginnere übertragen.
Die Technologie soll es außerdem ermöglichen, mit dem Auto auch von außen zu sprechen – wobei es erkennen soll, ob die Person dafür auch tatsächlich autorisiert ist, wenn sie sagt: „Hey Auto, öffne die Heckklappe.“
Xyte One

Sicher wie ein kleines Auto, nach eigenen Angaben sogar „der weltweit sicherste Elektroroller“, aber trotzdem wendig und agil – und damit perfekt für den Stadtverkehr. So soll das elektrische Dreirad namens Xyte One sein, das vom Start-up Xyte Mobility aus Starnberg bei der IAA als serienreifer Prototyp gezeigt wurde. Dank Sicherheitszelle und -gurt ohne Helm fahrbar soll es schon Anfang 2026 auf den Markt kommen – gefertigt in China. Anders sei der Verkaufspreis von 12.900 Euro nicht machbar gewesen.
Spannend ist bei Xyte Mobility aber nicht nur das kleine Elektrofahrzeug, sondern auch die Gründungsgeschichte. Denn hinter dem Start-up stehen nicht etwa junge Hochschulabsolventen, sondern ein Team von Ruheständlern mit viel Erfahrung in der Automobilindustrie, die sich um den 75-jährigen Gründer Wolfgang Ziebart versammelt haben, der einst Vorstand bei BMW war.
Project Urban 2/3

Hinter Project Urban 2/3 steht eine Gruppe des Ingenieurdienstleisters EDAG. Sie wollte einen günstigen, aber stilvollen Stadtroller entwickeln – einen spirituellen Nachfolger des BMW C1, der aufgrund seines Dachs auch ohne Helm gefahren werden durfte. Bei der Bemühung der hessischen Truppe sind jedoch gleich drei verschiedene Elektroroller herausgekommen, die sich eine technologische Basis teilen. Denn die Roller sind wie ein Steckbaukasten aufgebaut.
Das erste Modell, der 2W Air, ist ein klassischer, aber minimalistisch gestalteter Roller mit elektrischem Antrieb. Er verfügt über drei austauschbare Batteriepakete, die eine Reichweite von 220 Kilometern ermöglichen, sowie über eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde. Der 3W AIR ist mit dem 2W praktisch identisch, hat aber vorne zwei Räder, um mehr Fahr- und Standsicherheit zu bieten. Beim Modell 3W CELL kommt zudem eine Überdachung samt Gurt und Becherhalter hinzu.
Holon

Das zum Automobilzulieferer- und Maschinenbauunternehmen Benteler gehörende Start-up Holon arbeitet in Paderborn an einem vollautonomen Minibus. Der vollelektrische Holon Urban – zuvor Holon Mover genannt – nutzt Technologie, Kamera- und Sensorsysteme von Mobileye, um sich selbstständig im Verkehr zurechtzufinden. Mit dem Minibus soll ein deutlich flexiblerer und granularerer öffentlicher Personennahverkehr möglich werden. Das selbstfahrende Fahrzeug soll bis zu 15 Personen fassen und mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde transportieren.
Laut dem Unternehmen soll der Holon Urban insbesondere Strecken abdecken, für die schnelle Takte erforderlich sind oder bei denen Bus und Bahn nicht ausgelastet sind – beispielsweise Fahrten in städtischen Außenbereichen oder zwischen Dörfern. Er soll aber auch als Taxi-Alternative taugen, bei der Fahrten via App gebucht und bei denen verschiedene Personen über eine dynamisch erstellte Route bedient werden. Ab Herbst soll der Holon in Hamburg erprobt werden. Wie Holon betont, sei das Basisfahrzeug aber auch für andere Zwecke nutzbar – etwa als fahrender Minimarkt.
PIX Robo Shop

Das chinesische Tech-Unternehmen PIX Moving fokussiert sich voll auf autonome Fahrzeuge für urbane Mobilität. Dabei setzt es nicht nur auf besonders ein niedliches Design – alle Modelle sind charmant kugelförmig –, sondern auch auf eine fahrbare Plattform namens „Ultra Skateboard“, auf der verschiedene Aufbauten möglich sind, sowie auf generatives Design und 3D-Druck in der Fertigung. Nach eigenen Angaben hat die Firma über 400 Fahrzeuge in mehr als 20 Länder ausgeliefert.
Auf der IAA zeigte PIX Moving neben dem Zweisitzer Beastie und dem autonomen Shuttle Robo Bus auch den Robo Shop – einen fahrenden Kiosk, komplett mit Roboterarm im Inneren, der Kundschaft bedienen soll. Getränke, Souvenirs, Pop-up-Stores: PIX kann sich viele Einsatzformen vorstellen. Ob es dazu kommt, bleibt sicher abzuwarten. Aber hübsch sieht der Robo Shop definitiv aus.
LOXO Digital Driver

Das Schweizer Start-up LOXO, das auch einen Standort in München hat, arbeitet an Software für autonomes Fahren, sprich: Level 4. Dabei spezialisiert es sich auf einen speziellen Anwendungsfall: „middle and last-mile delivery“. Damit sind Lieferfahrten zwischen nahegelegenen Städten, sowie in Städten gemeint. 2022 stellte das Unternehmen mit dem LOXO Alpha ein eigenes Fahrzeug vor, das auch bei der IAA zu sehen war. Da es keinen menschlichen Fahrer an Bord hat, wurde es optisch bewusst freundlich gestaltet – der Akzeptanz wegen. In einem Test mit der Supermarktkette Migros lieferte es selbstständig Bestellungen an ein nahegelegenes Bürogebäude aus.
Inzwischen setzt LOXO aber eher darauf, Serienfahrzeuge wie den ID.BUZZ von VW umzurüsten – ein Exemplar davon namens Mathilde ist in einem Pilotprojekt in Bern unterwegs. Aufgegeben sei der Plan eigener Autos aber nicht. Der Fokus auf Lieferfahrzeuge soll es leichter machen, die Selbstfahrtechnik auszurollen. Schließlich müssten die Autos dann nur für Pakete, nicht für menschliche Fahrgäste ausgestattet sein. Sehr bald soll auch der erste Testlauf in Deutschland starten. Details dazu wollte das Start-up auf der IAA aber nicht verraten.
Lightyear Solarmodule
Auf der Website des niederländischen Start-ups Lightyear ist das selbst entwickelte Solarfahrzeug Lightyear One, das wir vor mehreren Jahren auch in einem 1E9-Artikel vorstellten, noch zu sehen. Doch auf der IAA war davon nichts zu sehen. Ähnlich wie beim einstigen deutschen Solarauto-Hoffnungsträger Sono Motors wurde aus der Serienproduktion des eigenen Modells nicht. Stattdessen will Lightyear nun Solarmodule, zum Beispiel für Motorhauben oder Autodächer, inklusive der nötigen Elektronik und Software an andere Autohersteller liefern.
Erste „Proof of Concepts“ mit großen Autobauern soll es bereits geben, erfuhren wir am Messestand – und Testfahrzeuge seien schon auf der Straße unterwegs. Nächstes Jahr sollen dann größere Projekte anlaufen. Schade, dass der Lightyear One nie in Serie ging, aber immerhin gibt es Lightyear und die Idee von Solarkraft für Autos noch – auch auf der IAA.