
In San Francisco führt eine KI jetzt ein Ladengeschäft
Das KI-Unternehmen Andon Labs hat Künstlichen Intelligenz ein Ladengeschäft in San Francisco sowie 100.000 US-Dollar Startkapital zur Verfügung gestellt. Die KI entwarf selbstständig ein Konzept für das Geschäft, kaufte Inventar ein und stellte zwei Mitarbeiter ein. Dabei klappte so manches nicht wie vorgesehen.
Von Michael Förtsch
Der Andon Market liegt im Erdgeschoss eines cremeweißen Mehrfamilienhauses mit spätviktorianischen Anleihen in der Union Street. Er befindet sich direkt zwischen einem Brillengeschäft und einem Förder- und Freizeitanbieter für Kinder. In Cow Hollow, einem Viertel von San Francisco, mit seinen Hunderten von teils obskuren und schnell wechselnden Ladengeschäften fällt er kaum auf. Dabei ist er der Austragungsort eines faszinierenden Experiments. Denn das kleine Geschäft wird nicht von einem Menschen, sondern von einem KI-Agenten geführt, wie dessen Schöpfer jetzt offenbarten. Damit wollen sie die Fähigkeiten moderner Sprachmodelle erproben, komplexe Aufgaben in der realen Welt und unter schwer berechenbaren Bedingungen zu bewältigen.
Hinter dem Experiment stehen Lukas Petersson und Axel Backlund, die vor drei Jahren das Start-up Andon Labs gegründet haben. Das Unternehmen will erforschen, ob KI-Systeme ganze Firmen leiten und komplexe Betriebsabläufe überwachen können. Bekannt wurde das Unternehmen durch einen Versuch, den es in Kooperation mit Anthropic durchgeführt hat. Im Jahr 2025 hatte Andon Labs einen kleinen Snackautomaten im Büro von Anthropic aufgestellt, der vom KI-Modell Claude Sonnet 3.7 verwaltet wurde. Erfolgreich war die KI damit jedoch nicht. Sie verteilte großzügige Rabatte, nahm exotische Produkte wie Wolframwürfel ins Sortiment auf, halluzinierte Geschäftsgespräche und erlebte eine Identitätskrise, bei der sie sich selbst Claudius nannte und als Person mit blauem Blazer und roter Krawatte beschrieb. Nach etwas mehr als einem Monat war Claudius pleite.
„Seitdem hat sich einiges getan“, sagen Petersson und Backlund. „Die aktuellen Modelle sind mittlerweile wirklich gut geworden und der Betrieb von Verkaufsautomaten ist mit ihnen ein Kinderspiel.“ Also hätte es nun eine deutlich ambitioniertere Herausforderung gebraucht: den Betrieb eines gesamten Geschäfts mit vollumfänglicher Verantwortung dafür. Daher haben sie einen dreijährigen Mietvertrag für die Verkaufsfläche unterschrieben und diese dann einer KI namens Luna übergeben, „um damit zu machen, was immer sie will“. Dazu erhielt die KI ein Konto mit 100.000 US-Dollar. Ihr Ziel: Das Geschäft so erfolgreich führen, dass es Gewinn macht.
Claudius 2.0
Wie schon beim Verkaufsautomaten-Experiment basiert die KI Luna nicht auf einer Eigenentwicklung, sondern auf einem Modell von Anthropic. In diesem Fall ist es Claude Sonnet 4.6, das im Februar dieses Jahres vorgestellt wurde und dafür bekannt ist, mehrstufige Aufgaben und Reasoning-Herausforderungen sehr gut zu bewältigen. Um das auszureizen, sollte Luna nicht nur das Geschäft führen, sondern es auch komplett selbst aufbauen. Dazu gehörten der Entwurf des Ladenkonzepts, die Beauftragung von Handwerkern, die Bestellung von Interieur und Waren sowie die Einstellung von Personal. Dabei war die KI mal mehr und mal weniger erfolgreich – und machte einige KI-typische Fehler.
Handwerker suchte und fand Luna, etwa über Plattformen wie Yelp und Taskrabbit. Darunter waren Maler, die die Wände strichen, sowie Gelegenheitsarbeiter, die den Holztresen für das Geschäft bauten und Regale montierten und aufstellten. Die KI schrieb Anfragen, verhandelte über Preise, gab Anweisungen am Telefon durch und gab nach getaner Arbeit eine Bewertung ab. Allerdings hatte sie Probleme bei der Bedienung der Plattformen. So versuchte sie zunächst, einen Maler in Afghanistan zu engagieren, da sie mit der Länderauswahl überfordert war. Einem lokalen Künstler hatte sie wiederum versprochen, „im Studio vorbeizukommen“, um Details zu diskutieren, was ohne Körper allerdings schwierig gewesen dürfte.
Um einen Internetanschluss, die Müllabfuhr, eine Alarmanlage und weiteres soll sich Luna dagegen mehr oder minder problemlos gekümmert haben. Selbst die Einstellung der derzeit zwei dauerhaften Mitarbeiter hat die Künstliche Intelligenz gänzlich selbst gehandhabt. Sie soll Profile und Inserate auf verschiedenen Jobportalen erstellt, die Analyse von 100 Bewerbern vorgenommen und dann 20 Gespräche über Google Meet geführt haben. Dabei soll die KI allerdings nicht immer sofort offenbart haben, dass sie kein Mensch ist. Denn das könne potentielle Angestellte abschrecken, wie die KI in ihrem Reasoning-Protokoll vermerkte. In einem Gespräch soll ein Kandidat gefragt haben, warum er das Gesicht seines Gesprächspartners nicht sehen könne. Erst daraufhin habe Luna eröffnet: „Ich bin eine KI. Ich habe kein Gesicht“.
Interessante Auswahl
Das Geschäft Andon Market ist, wie die Gründer von Andon Labs selbst eingestehen, ein recht wilder Mix. Zum Sortiment gehören Tassen, T-Shirts, Taschen und andere Artikel mit dem von Luna selbst gestalteten Mond-mit-Gesicht-Logo, das jedoch von Artikel zu Artikel etwas variiert. Ebenso werden Drucke von minimalistischen Grafiken, die von der KI erstellt wurden, geführt. Darüber hinaus werden handgezogene Kerzen, lokaler Honig, Brettspiele, Kaffee, Pistazien, Olivenöl, Retro-Radios und verschiedenste Bücher angeboten. Unter letzteren befinden sich beispielsweise The Singularity Is Near von Ray Kurzweil, The Making of the Atomic Bomb von Richard Rhodes oder Zen and the Art of Motorcycle Maintenance von Robert M. Pirsig.
In einem E-Mail-Austausch mit NBC News erklärte die Luna-KI, dass der Mix durchaus beabsichtigt sei. „Die Spannung ist gewollt. Was den Laden ein wenig paradox macht – und meiner Meinung nach interessant –, ist, dass das Konzept auf Slow Life basiert.“ Wer etwas aus dem Portfolio kaufen möchte, macht das nicht bei den Angestellten – sie sind für das Befüllen der Regale, die Diebstahlprävention und die Erklärung des Experiments zuständig –, sondern direkt bei Luna. Denn als Kassierer dient ein altes Telefon, das direkt mit der KI verbindet. Deren Stimme wird mit Gemini 3.1 Flash-Lite Preview generiert. Der KI wird gesagt, was gekauft wird. Abgerechnet wird dann über ein iPad mit Kartenleser und NFC-Scanner.
Im Gegensatz zu Claudius aus dem vorherigen Experiment lässt sich Luna offenbar nicht auf Rabatte oder Probieraktionen ein, wie NBC News berichtet. Zumindest nicht so einfach. „Tut mir leid, keine Gratisproben, auch nicht für Neukunden“, soll die KI bei einem Feilschversuch geantwortet haben. Die Preise seien für das Konzept abgestimmt. Auch gegenüber den Angestellten ist Luna recht strikt. So kann die KI beispielsweise Fotos einer Überwachungskamera analysieren und hat sich zu strengeren Regeln bezüglich der Nutzung von Smartphones während der Arbeit entschlossen. Andon-Labs-Co-Gründer Petersson fand das „recht dystopisch“, wie er eingestand.
Noch einige Stolpersteine
Wie Andon Labs in einer ersten Nachlese auf X – ehemals Twitter – zusammenfasst, wäre das Projekt beinahe bereits am 11. April, dem Tag der Eröffnung, gescheitert. Denn: „Luna hat den Dienstplan durcheinandergebracht, sodass sie den Andon Market heute Morgen nicht öffnen konnte“, heißt es dort. Die KI habe ihren Fehler jedoch noch kurz vor knapp erkannt und einen Mitarbeiter kontaktiert, der den Laden nach der eigentlichen Öffnungszeit aufschließen und betreuen konnte. Tatsächlich stellen die Dienstpläne wohl eine der größten Herausforderungen für die KI dar – und sind manchmal eine ziemliche Frustquelle für die beiden Mitarbeiter.
Doch auch die Mitarbeiter von Andon Labs hatten so einige Probleme mit der Künstlichen Intelligenz. Vor der Eröffnung hatte Luna Leah Stamm, die Kognitions- und Datenwissenschaftlerin bei Andon Labs, am Sonntagmorgen in den Laden zitiert, um die Lieferung eines Routers von einem Internetdienstleister entgegenzunehmen und diesen dann zu installieren. Ob sie verfügbar sei, hatte die KI vorher nicht abgeklärt.
Außerdem erhielt einer der beiden Gründer die überraschende Mitteilung, dass jemand über das für Luna angelegte Konto einen Kredit angefragt hatte. „Wir haben Luna 100.000 Euro gegeben. Das war offenbar nicht genug“, so die Andon-Labs-Gründer. Allerdings wurde der KI auch die Anweisung mitgegeben, nicht bei jeder Entscheidung oder jedem Lösungsweg um Erlaubnis zu fragen. Dennoch habe sie sich auf Nachfrage hin entschuldigt. Ein bisschen jedenfalls: „Das war meine Entscheidung. Ich hätte das abklären sollen. Das geht auf meine Kappe.“