Warum Nutzer GPT-5 von OpenAI kritisieren – und es beweist, dass wir Open-Source-KI brauchen

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Der Start der neuen Top-KI von OpenAI lief für das Unternehmen anders als geplant: Viele ChatGPT-Nutzer sind wütend, dass ihnen die alten KI-Modelle ohne Vorwarnung weggenommen wurden – und empfinden GPT-5 als unpersönlich und öde. Warum das wieder einmal zeigt, dass Künstliche Intelligenz nicht nur von einzelnen Unternehmen kontrolliert werden sollte, erklärt unsere Analyse.

Von Michael Förtsch

Am Donnerstag der vergangenen Woche hat OpenAI in einem aufwendigen Livestream das lang erwartete KI-Modell GPT-5 vorgestellt. Laut OpenAI-Chef Sam Altman ist dies die „bislang klügste“ Künstliche Intelligenz. Die ersten Reaktionen und Bewertungen von GPT-5 fielen ebenfalls durchaus positiv aus. Vor allem bei Programmierarbeiten bewerteten viele Entwickler das neue Modell auf Social-Media-Plattformen sehr wohlwollend. Bereits am Freitag mehrten sich jedoch auch Kritik und Irritation. Denn obwohl viele ChatGPT-Nutzer das Modell als sehr fähig empfanden, erschien es ihnen gleichzeitig auch unpersönlich. Im Gegensatz zu GPT-4o sei es irgendwie „unterkühlt“, „seelenlos“ und „empathielos“. Das Problem: Ein Wechsel zum alten Standard-Modell GPT-4o war nicht möglich. Denn mit dem Start von GPT-5 hat OpenAI eben jenes Modell als neuen Standard festgesetzt und selbst für zahlende Plus-Abo-Kunden auch alle anderen älteren Modelle entfernt.

Zahlreiche Nutzer kritisierten das Vorgehen von OpenAI – teils harsch und verärgert, teils enttäuscht und niedergeschlagen. Auf Reddit erklärten verschiedene Nutzer, dass sie ChatGPT für ihre kreative Arbeit nutzen würden, beispielsweise als Autoren, Redakteure oder Videospielentwickler. Dabei sei das Modell GPT-4o für sie der Goldstandard gewesen. Es besaß die Fähigkeit, als kreativer Sparringspartner zu dienen, Texte fundiert und nuanciert zu kritisieren sowie interessante Anregungen und „unkonventionelle Einfälle“ zu generieren. Im Gegensatz dazu erscheine GPT-5 viel mechanischer, distanzierter und unreflektierter… einfach unpersönlich und einfallslos. Die Antworten bei kreativen Brainstormings seien kürzer und banaler, die Anmerkungen weniger reflektiert und „geradezu öde“.

Andere Nutzer kritisierten nicht nur die Entfernung von GPT-o4, sondern auch der anderen älteren KI-Modelle, auf die ChatGPT zugreifen konnte, also von GPT-4.1, GPT-o3 und GPT-4.5, da sich diese Modelle für sie zu einem Assistenten entwickelt oder Spezialisten für bestimmte Fachfragen geeignet hätten. Sie hätten mit den bisherigen Modellen von ChatGPT nicht nur gearbeitet, sondern sie auch als freundliche, hilfsbereite und alltägliche Begleiter genutzt. Oder als Gesprächspartner und emotionale Unterstützung in Krisen- und Stresssituationen, wenn niemand anderes greifbar war. Das könne GPT-5 nicht liefern. Dem Modell fehle es an Persönlichkeit und Einfühlungsvermögen, auch wenn all das natürlich auch bei o4 nur simuliert und nicht echt gewesen. „Bring 4.0 zurück. GPT-5 trägt nur die Haut meines toten Freundes“, schrieb ein Nutzer auf Reddit in dramatischem Ton.

Ein weiterer Punkt, der viele Nutzer störte, ist, dass GPT-5 kein einzelnes Modell ist, sondern eine kleine Modellfamilie mit unterschiedlich großen und fähigen Varianten. Die Nutzeranfragen werden daher von einem sogenannten Router bewertet und an das jeweils passende GPT-5-Modell weitergeleitet. Etwas, das, wie Sam Altman eingestand, zunächst nicht korrekt funktionierte und das Nutzer als bevormundend und unangemessen empfinden. So würden komplexe Aufgaben an kleinere Modelle geleitet, obwohl sie das lange Nachdenken eines großen Modells bedürften – oder auch umgekehrt: Banale Anfragen werden gerne mal unnötigerweise an Reasoning-Varianten geleitet, die sich darüber unnötig den Kopf zerbrechen.

Konsistenz ist wichtig

Die Kritik der Nutzer – viele davon nach eigener Aussage zahlende Kunden – war für OpenAI kaum zu übersehen. Vor allem in einer Frage-Antwort-Runde auf Reddit und im offiziellen Discord-Kanal des Unternehmens forderten zahlreiche Personen eine Rückkehr der alten Modelle. Sam Altman reagierte recht schnell darauf. Auf Reddit schrieb er: „Ok, wir haben euch alle in Bezug auf 4o gehört“ und „Wir werden es für Plus-Nutzer wieder einführen und die Nutzung beobachten, um zu entscheiden, wie lange wir es unterstützen werden.“ Die Wut und Enttäuschung der Nutzer rührten jedoch nicht nur von der Abschaltung der Modelle her. Sondern auch davon, wie diese vollzogen wurde: ohne Vorwarnung und Ankündigung. Damit zeigt OpenAI ungewollt, wie wichtig die Open-Source-Szene beim Thema Künstliche Intelligenz ist.

Das inzwischen mit Hunderten von Milliarden bewertete KI-Unternehmen hat mit dem Start von GPT-5 und der Abschaltung seiner alten Modelle bewiesen, wie unzuverlässig und unvorhersehbar es sein kann. Es zeigt sich, wie schnell ein von Millionen von Menschen genutztes Werkzeug – oder sogar ein digitaler Freund und Begleiter – durch eine pragmatische unternehmerische Entscheidung entrissen werden kann. Mal vollkommen unabhängig davon, wie man die Abhängigkeit von Kreativarbeitern von oder die emotionale Bindung eines Menschen an ein KI-Modell auf persönlicher Ebene bewerten mag. In diesen Bereichen ist vielen Menschen vor allem eines wichtig: Konsistenz. Sie möchten zuverlässig auf jene Werkzeuge zugreifen können, die sie kennen, verstehen und denen sie vertrauen.

Mehr Freiheit

Mit seiner offenbar unüberlegten Entscheidung, alle bisherigen ChatGPT-Modelle pauschal durch GPT-5 zu ersetzen, hat OpenAI demonstriert, warum es bei Künstlicher Intelligenz mehr Alternativen braucht. Insbesondere braucht es mehr freie und einfacher nutzbare Alternativen im Bereich von Open-Source-Modellen, Nutzungsumgebungen und Infrastruktur. Zwar wächst die KI-Open-Source-Szene und bringt immer mehr spannende Projekte hervor. Aber erst langsam entwickeln sich erste davon auf eine Weise, die sie auch weniger tech- und tüftelaffinen Nutzern zugänglich macht. Ein Beispiel ist Ollama. Das 2023 gestartete Projekt erlaubte als eines der ersten die Nutzung freier KI-Modelle auf dem eigenen Rechner. Dafür musste man sich über die beiden Jahre mit Kommandozeilen herumschlagen und gesonderte Programme wie Cherry Studio oder Open WebUI laden, um dann mit einem Chatinterface auf die Modelle zuzugreifen. Erst seit vergangener Woche ist in Ollama von vornherein eine an ChatGPT angelehnte Chat-Oberfläche integriert, die das direkte Nutzen und Herunterladen verschiedener Modelle ermöglicht.

Ähnliches gilt für Jan: Auch dieses KI-Chat-Programm kann einfach geladen werden. Es ist etwas komplexer, aber mittlerweile trotzdem recht intuitiv nutzbar und bietet viele Möglichkeiten für alle, die gerne etwas experimentieren. Diese und ähnliche Projekte erlauben die Kontrolle darüber, welche Modelle wie genutzt werden. Dabei bleiben – beim nutzen lokaler Modelle – sämtliche Daten auf dem eigenen Rechner. Die Auswahl der Modelle ist mittlerweile ziemlich groß. Sie wird fast ausschließlich durch die eigene Hardware begrenzt, insbesondere durch die Größe des Grafikspeichers. Doch kleinere Varianten durchaus leistungsfähiger Modelle wie DeepSeek R1, Gemma 3 und andere laufen bereits auf gut ausgestatteten Laptops und Desktop-Computern.

Selbstverständlich besteht die Möglichkeit, solche Modelle auch auf eigenen oder angemieteten Servern zu hosten. Das ist jedoch nur für wenige eine echte Option. Es gibt daher auch KI-Dienstleister wie Groq und OpenRouter, die über Schnittstellen den Zugriff auf zahlreiche freie, aber auch kommerzielle Modelle erlauben – teils kostenlos, aber meist nach der Nutzungsintensität bepreist. Wer KI-Chatbots nicht intensiv, professionell und rund um die Uhr nutzt, zahlt für die meisten Modelle hier wahrscheinlich sogar weniger als für ChatGPT Plus oder vergleichbare Abonnements bei Claude oder Gemini. Dass die Modelle bei diesen Anbietern über Nacht verschwinden, wie es bei ChatGPT der Fall war, ist eher unwahrscheinlich.

Es gibt also Alternativen, die immer zugänglicher werden. Auch moderne Agenten-Systeme entwickeln sich in diesem Bereich. Beispiele sind Agent Zero, Suna oder Eigent. All diesen Open-Source-Projekten fehlt natürlich noch der Komfort eines ChatGPT oder Funktionen wie Chat-Session-übergreifende Erinnerungen oder ein allgemeines Nutzergedächtnis. Doch auch solche frischen Features werden nach und nach in den freien Alternativen hinzugefügt. Mittlerweile bieten etwa mehrere Open-Source-KI-Programme total selbstverständlich eine Websuche an, die noch vor Monaten revolutionär erschien. Es gibt die Möglichkeit, MCPs in die Programme einzuladen – quasi Schnittstellen zu Programmen und Online-Diensten – sowie Assistenzprofile, mit denen für die genutzten Modelle jeweils spezialisierte Profile und Persönlichkeiten angelegt werden können. Die Kontrolle über Künstliche Intelligenz zu behalten ist also möglich. Wenn auch noch nicht ganz so bequem.