
Was würde passieren, wenn wir Bäume wählen lassen?
Der Experimentalkünstler und Philosoph Jonathan Keats ist der Ansicht, dass auch nichtmenschliche Lebewesen eine Stimme in der Politik verdienen. In einem Kunstprojekt lässt er Menschen zu Vertretern von Bäumen werden. Auch beim Festival der Zukunft von 1E9 und Deutschem Museum in München startete er das Experiment.
Von Michael Förtsch
Es erscheint ziemlich selbstverständlich, dass in einer Demokratie Menschen über Gesetze und Regelungen bestimmen. Das gilt auch für jene, die unsere Natur und alle anderen Lebewesen betreffen. Naturschutzgebiete werden eingerichtet und aufgelöst, Fischfangquoten und CO2- sowie andere Emissionsgrenzen festgelegt und vieles mehr wird entschieden, was die Natur in sehr direkter Weise betrifft. Aber auch scheinbar bezuglose Gesetze können sich auf die Natur auswirken. Dazu zählen beispielsweise Rauchverbote, Geschwindigkeits- und Lärmbegrenzungen oder Regelungen zu den Leuchtstoffen in Straßenlaternen. Laut dem US-amerikanischen Konzeptkünstler und Philosophen Jonathon Keats hat praktisch jede politisch getroffene Entscheidung das Potenzial, die natürliche Welt auf direkte oder indirekte Weise zu prägen. Das sollte vor allem im politisch aktuell aufgeheizten Klima bedacht werden sollte, mahnt er. Er fordert daher, dass in Zukunft auch „die Perspektive von nichtmenschlichen Spezies“ in politische und gesellschaftliche Entscheidungen miteinbezogen werden sollte und hat dafür einen möglichen Ansatz entwickelt.
„Ich denke bereits seit einer ganzen Weile über Demokratie nach“, sagt Keats. „Wie viele andere auch machte ich mir dabei Sorgen, dass sie viele im Stich lässt. Für viele, die keine Menschen sind, ist das aber schon jetzt so.“ Die derzeit gelebte und ausgetragene Demokratie sei in gewisser Weise arrogant, weil sie den Menschen in den Mittelpunkt stellt, meint der Philosoph. Während seiner Forschung am Future Democracies Laboratory an der José State University suchte er daher nach einer Möglichkeit, die demokratischen Prozesse inklusiver zu gestalten. „Ich dachte, es müsste Wege geben, wie wir andere Lebensformen und lebende Systeme möglicherweise in unsere demokratischen Entscheidungsprozesse involvieren können“, so Keats. „Vielleicht auch, um sie dann langfristig als Inspiration für neue demokratische Systeme zu nutzen, die in Zukunft möglich werden.“
Für den Konzeptkünstler waren Bäume als biologische Repräsentanz der logische erste Schritt. „Sie existieren in vielen Umgebungen unseres Planeten und machen einen großen Teil der Biomasse unserer Welt aus“, sagt er. „Und sie reagieren sehr expressiv auf Veränderungen in ihrer Umwelt, was wir auch ablesen können.“ Da ein direkter Weg, sie an demokratischen Prozessen zu beteiligen, unrealistisch war, erdachte Keats eine Alternative: eine Art Meinungsforschungsprojekt, das er The Assembly of Trees taufte. Hierbei werden einzelne Bäume in einer Region als Repräsentanten ihrer Gattung ausgewählt und ihre Entwicklung zurückverfolgt. In regelmäßigen Abständen wird ihr Stresslevel festgestellt, das sich in den Kronen der Bäume manifestiert: Mehr Stress bedeutet weniger Dichte, weniger starke grüne Blätter oder Nadeln. Keats sieht die Möglichkeit, in den Schwankungen des Stresses der Bäume, wenn auch keine Kausalitäten, dann doch immerhin Korrelationen zu politischen Entscheidungen abzulesen.
Repräsentanz - auch für Pflanzen
Das Projekt The Assembly of Trees wurde erstmals im Jahr 2024 in Zusammenarbeit mit dem Museum MOD der University of South Australia umgesetzt. Dabei wurden 23 Bäume in Adelaide ausgewählt, die als Repräsentanten der Stadt agieren. Die Einwohner von Adelaide und ganz Australien sind seitdem eingeladen, herauszufinden, wie die Entwicklungen der Bäume und Verschiebungen im arborealen Landschaftsbild mit Änderungen der Rechtslage in ihrer Stadt, ihrem Bundesstaat und ihrem Land korrelieren – und das mithilfe von historischen und zeitaktuellen Luftbildern. „Lichtere Kronen durch mehr Stress können darauf hindeuten, dass die politischen Umstände suboptimal sind“, sagt Keats. Diese Beobachtungen können die Wähler- und Wählerinnen dann in ihre Entscheidungen einfließen lassen.